Pilger aus allen gesellschaftlichen Schichten reisten schon im Mittelalter nach Rom. Seit der Renaissance, verstärkt seit Mitte des 18. Jahrhunderts, gesellten sich junge Angehörige des englischen, später auch des kontinentalen Adels und gehobenen Bürgertums dazu. Diese Exklusivität der Rom-Reise ging im Laufe des 19. Jahrhunderts mehr und mehr verloren. Bildungsreisen wurden nun auch für breitere gesellschaftliche Schichten möglich und mit Inbetriebnahme und Ausbau der Eisenbahn seit 1856 zunehmend zum Massenphänomen.
Diesem Wandel des Rom-Tourismus entspricht ein Wandel in der Produktion von Rom-Ansichten, dem die Ausstellung mit Exponaten aus der Sammlung von Dr. Gerd Steinmüller sowohl in inhaltlicher als auch in medialer Hinsicht ein Stück weit nachgehen will.
Die Ausstellung beginnt mit Rom-Bildern des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, wofür die Veduten (Stadtansichten) von Giovanni Battista Piranesi neue visuelle Maßstäbe setzen. In druckgrafischer Hinsicht kommt neben den bis dahin dominierenden Verfahren des Kupferstichs und der Radierung jetzt zunehmend die Lithografie zum Einsatz. Exemplarisch dafür sind Arbeiten des Münchner Architekturmalers Wilhelm Gail (1804-1890), die zum ersten Mal im Park seines Rodheimer Namensvetters zu sehen sind. Neue Herausforderungen erwachsen der Druckgrafik sodann seit 1840 durch die aufkommende Fotografie, wobei in vergleichender Gegenüberstellung mit Radierung, Holzstich, Chromolithographie und Lichtdruck aufgezeigt wird, wie sich der Wettstreit dieser Medien in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts weiterentwickelt und zu welchem Resultat er zu Beginn des 20. Jahrhunderts führt.
Besonderes Augenmerk erhält in der Ausstellung ein einzelnes architektonisches Motiv, nämlich die Überreste des antiken Nerva-Forums, auch „Le Colonnacce“ genannt. Um 1930 waren sie noch in die zeitgenössische Wohnbebauung und damit unmittelbar in das römische Alltagsleben integriert. Die hier versammelten Ansichten aus dem Zeitraum von 1739 bis ca. 1910 zeigen nicht nur auf, welche Bandbreite an druck- und fotografischen Verfahren zur Wiedergabe dieser Relikte zum Einsatz kamen, sondern auch, wie unterschiedlich sie im Laufe der Jahrzehnte aufgefasst und ausgedeutet wurden.
Dr. Gerd Steinmüller ist 1954 in Fellingshausen geboren und war viele Jahre wissenschaftlich in Siegen und an der JLU in Gießen tätig.